Presse – Die Odyssee

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„Das Schauspielhaus Wien eröffnet mit "Die Odyssee": einer Premiere nach Homers Epos über eine lange, lange Irrfahrt. Nicht etwa, um actionhungrige Erwartungen zu erfüllen, sondern um sie konsequent zu unterlaufen. (…) Gemeinsam mit dem Bühnenbildner und bildenden Künstler Jakob Engel schickt Regisseur/Autor Jan Philipp Stange die Schauspieler Simon Bauer, Sebastian Schindegger und Til Schindler auf eine Expedition. Eine imposante Höhlenstruktur füllt den gesamten Bühnenraum: Felsspalten und Vorsprünge versprechen ein uneinsichtiges Labyrinth, der Hall suggeriert Größe über die Sichtachsen hinaus.“
DER STANDARD

„Ein galgenhumoriger Kommentar auf das ernste Streben in der großen Kunst (…) Es geht um die Lockdown-Odyssee. Es geht um das, was passiert, wenn es völlig ausgeschlossen ist, durch die Ägäis zu irren und Abenteuer erleben zu wollen. Das drücken Jakob Engel und Jan Philipp Stange zunächst mal durch eine beeindruckende Bühne aus – nämlich durch das naturalistische Abbild einer Höhle, in die man sich kompliziert abseilen muss. (…) Der einzige Bezug zu Homer sind fünf ätherische Songs von Jacob Bussmann, die die Szenen von einander abtrennen. Die beruhen auf einer englischen Übersetzung der Homerischen Odyssee. (…) Es fällt mir schwer, hier eine Genrebezeichnung zu finden, die passt. Ich würde es ja einen liebevoll gezeichneten Animationsfilm nennen, wenn ich nicht wüsste, dass das alles echt stattgefunden hat. (…) Für die geballte Kultur-Öffnung war das wirklich der perfekte Soft-Einstieg“
DEUTSCHLANDFUNK KULTUR

„Der Begriff der Odyssee ist nicht bei Homer klebengeblieben und ist längst als Sinnbild der Irrfahrt in den Sprachgebrauch eingegangen. Inwiefern die Theatermacher Jakob Engel und Jan Philipp Stange ihr Höhlengleichnis in diese Tradition eingliedern, wird nicht restlos klar. Aber Altmeyers augenrollende Kakerlake mit dem ausgeprägten Sinn für absurde Pointen ist schon ein großes Vergnügen.“
WIENER ZEITUNG

„Die Kakerlake (Judith Altmeyer) erzählt mit Piepsstimme von ihrem prekären Berufsalltag als Schauspielerin und Nebenerwerbs-Kindergärtnerin. Jacob Bussmann steuert die großartige Musik und düstere Echo-Effekte bei. (…) Es wäre leicht, diesen hochgradig merkwürdigen Abend zu verreißen. Aber das wäre unfair. Ja, er ist wirr und stellenweise sehr fad. Er hat aber auch eine große poetische Kraft, eine eigenartig gefährliche Verführungswirkung. Einmal fällt der Satz 'In diesem Raum gibt es nur Wahrheit', und ja, genau so ist Theater.“
KURIER

"In an impressive stage set - a naturalistic cave - quirky characters such as three snacking cave explorers and an actress in a cockroach costume are seen. Ethereal songs by Jacob Bussmann provide the link to Homer. Playful anti-theater." (The Vienna Review)

"Where shall I start? Where can I end? Endlich ist die Stunde gekommen – Theater findet wieder statt. So ganz in echt, transitorisch, auf der Bühne, wie wir es lieben. Der Inszenierungstitel verspricht ein Epos, der Bühnenraum des Schauspielhauses ist mit höchster Kunstfertigkeit in eine unterirdische Höhle verwandelt (Konzept, Regie, Bühne & Kostüme: Jakob Engel & Jan Philipp Stange), die Nebelmaschine angeworfen und atmosphärisches Tropfen hallt von den Wänden wider. So weit, so immersiv. Doch dann tritt die Kakerlake (herrlich überspitzt: Judith Altmeyer) auf, und konfrontiert uns gnadenlos mit unseren Erwartungen. Liebes Publikum, spricht sie uns an, mit blauen Kulleraugen und kindlicher Stimme. Liebes Publikum, es laste, ob der gewaltigen Erwartungen an diese erste Theateraufführung seit langem, ja ein ungeheurer Druck auf ihr. Und da hat sie recht. Am besten, weil realistischsten, wäre es, sich auf eine mittelmäßige Show einzustellen, fährt sie fort. Damit wäre uns doch allen geholfen. (Und auch damit behält sie irgendwie recht.) Im Laufe der nächsten hundert Minuten wird uns die quietschfidele Kakerlake noch allerhand aus ihrem Alltag erzählen: Von ihrem Job im Kindergarten (einen detaillierteren Tagesablauf aus der „KiTa“ bekommt man nicht mal von einer redebedürftigen Jungmutter!), vom einsamen Opa, mit dem sie regelmäßig telefoniert und der ein großer Homer-Fan ist, von Cappuccino und Amarena (den Kaninchen, die einst ihre Haustiere waren) und so weiter… Wer bei der Erwähnung des Homer-Opas jetzt kurz stutzig geworden ist und sich fragt, ob es sich hierbei um den einzigen Bezug zur Odyssee handelt, tut recht daran. Der Frage Antwort lautet: nicht ganz. Zwischen den Kakerlaken-Szenen wird die Höhle von drei Männern (Simon Bauer, Sebastian Schindegger, Til Schindler – allesamt große Pantomimekünstler) in voller Klettermontur erkundet, fast schon im Zeitlupentempo und ohne Dialoge. Dafür mit Müsliriegeln, Schlauchboot und Schwimmflossen. Und einer Gesangseinlage. Und Stirnlampen haben sie natürlich auch, sie sind ja Höhlenforscher. Ach ja, zurück zum Homer-Bezug. Der versteckt sich gut getarnt in einer Felsspalte. Dort hat ein mythisches Wesen (magisch: Jacob Bussmann) sein DJ-Pult aufgestellt und hüllt die Unterwelt mit seiner Stimme und atmosphärischen Synthesizer-Klängen in eine Trance. „Tell me, about a complicated man, muse, tell me, how he wandered and was lost when he had wrecked the holy town of Troy.“ Er, der hier als einzige Figur zu keiner Zeit die Bühnenhöhle verlässt, er, der von den Sirenen, von Zyklopen und vom Anfang und vom Ende singt, er hält den roten Faden dieses Abends in den Händen. Man kann sich zurücklehnen und einlullen lassen von diesen berauschenden Sirenenliedern irgendwo zwischen Angelo Badalamenti und Moby. Und einfach akzeptieren, dass die Kakerlake es mit ihrem Vortrag über Erwartungshaltungen genau auf den Punkt gebracht hat." (Bohema Wien, Mira Krall, 21.5.21)

"Ausgerechnet eine Höhle. Monatelang war man jetzt auf seine eigene "Höhle" zurückgeworfen. Und nun, wenn die Theater endlich öffnen können, sitzt man wieder in einer. Zumindest macht es im Schauspielhaus den Eindruck, denn auf der Bühne ist ein gewaltiges Steingebilde zu sehen, das in der Dunkelheit auch die Zuseher einfängt. "Die Odyssee" steht am Programm, aber dass Homer-Puristen hier glücklich werden, können sie sich schon nach den ersten Sätzen abschminken. Und zwar nach den ersten Sätzen einer Kakerlake. Einer Kakerlake mit Rauschebart. Und überraschend kindlicher Stimme. Dieses Getier, gespielt von Judith Altmeyer, geht erst direkt auf die aktuelle Situation ein, indem es das Publikum anspricht: Der Druck sei jetzt schon riesig, jetzt erwarten nach der langen Theaterabstinenz natürlich alle etwas Spektakuläres. Da könne jetzt schon passieren, dass Erwartungen enttäuscht werden. Sie hielt dann ein Plädoyer dafür, dass auch das Nicht-Besondere eine Existenzberechtigung hat. Statistisch gesehen sei das gar nicht anders möglich. Und ging dann erst mal ab, um Platz zu machen für drei Höhlenforscher (Sebastian Schindegger, Simon Bauer und Til Schindler), die sich nacheinander abseilten, ihre Ausrüstung auf der Bühne verteilten und durch Höhlenlöcher kriechen. Szenen mit diesen Männern, die sich in unverständlichem Murmeln offenbar scherzhaft unterhalten und Monologe der Kakerlake wechseln sich ab. Letztere verrät ganz nebenbei, dass die vereinzelten Längen der Inszenierung wahrscheinlich Absicht sind. Und sie erzählt von ihrem 95-jährigen Opa, mit dem sie seit Corona täglich telefoniert, weil er ohne Oma, die bereits im Altersheim ist, einsam ist. Der Opa ist auch ein Riesen-Homer-Fan. Allerdings kein großer Fan von brotlosen Berufen wie Schauspielerei. Verbunden werden die Szenen durch Musik von Jacob Bussmann, er singt mit sirenenhafter Klaus-Nomi-Referenzstimme vereinzelte Verse aus Homers Epos in einer neuen englischen Übersetzung. "Tell me about a complicated man, muse, tell me, how he wandered and was lost." Das ist der direkte Bezug, den dieser Theaterabend zu seiner titelgebenden Inspirationsquelle hat. Auch die Höhle ist ein wichtiger Topos in der "Odyssee": In einer solchen hält die Nymphe Calypso Odysseus gefangen, in einer solchen lebt der Zyklop Polyphem. Doch der Begriff der Odyssee ist nicht bei Homer klebengeblieben und ist längst als Sinnbild der Irrfahrt in den Sprachgebrauch eingegangen. Inwiefern die Theatermacher Jakob Engel und Jan Philipp Stange ihr Höhlengleichnis in diese Tradition eingliedern, wird nicht restlos klar. Aber Altmeyers augenrollende Kakerlake mit dem ausgeprägten Sinn für absurde Pointen ist schon ein großes Vergnügen. Und zumindest für sie scheint es ein Happy End zu geben. Freilich ist anzunehmen, dass Homer-Fan Opa mit dieser freien Variation wenig anfangen kann." (Wiener Zeitung, 21.5.2021)

"Ein Hoch auf die Realpräsenz: Das ist keine kleine Erwartungshaltung, die hier im Raum steht", so bringt Schauspielerin Judith Altmeyer die Aufregung am ersten Theaterabend nach langem, langem Lockdown gleich auf den Punkt. Das Schauspielhaus Wien eröffnet mit Die Odyssee: einer Premiere nach Homers Epos über eine lange, lange Irrfahrt. Nicht etwa, um actionhungrige Erwartungen zu erfüllen, sondern um sie konsequent zu unterlaufen. Es passiert vor allem alles ganz, ganz langsam. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner und bildenden Künstler Jakob Engel schickt Regisseur/Autor Jan Philipp Stange die Schauspieler Simon Bauer, Sebastian Schindegger und Til Schindler auf eine Expedition. Eine imposante Höhlenstruktur füllt den gesamten Bühnenraum: Felsspalten und Vorsprünge versprechen ein uneinsichtiges Labyrinth, der Hall suggeriert Größe über die Sichtachsen hinaus. Einmal abgeseilt, machen sich die drei daran, einen unterirdischen See zu bereisen. Was das Publikum davon zu sehen bekommt, sind die Vorbereitungen. Das umständliche Anlegen eines Neoprenanzugs, das Hantieren mit einem Schlauchboot, um hinter einer Höhlenwand in See zu stechen. Wenn aus der Langsamkeit der Handgriffe heraus ein Lied angestimmt wird, dann kommt Stimmung auf, die die Entrücktheit der Situation deutlich bestätigt. Dazu zitiert Musiker Jacob Bussmann mit ätherischen Songs eine englische Übersetzung von Homers Text, so steht es zumindest im Programmheft. Was lässt diese Odyssee spüren? Dass es zur Irrfahrt keinen Trojanischen Krieg, keine Abenteuer und schon gar keine Heimkehr braucht. "Lost", vielleicht nicht in Translation, aber in der Sinnlosigkeit vieler kleiner Tätigkeiten, steht am Ende Schindegger allein da. Das Wort ergreift einzig Altmeyer. Nicht als Zyklop, sondern als Kakerlake und mit Bart. Sie hebt mit glockenheller Stimme an, profanen Quatsch zu erzählen: über Opa, Corona und Haustiere. Was Sinn macht: dass Altmeyer die theatralische Situation in Erinnerung ruft. Dass wir alle gemeinsam im Raum sind. Ein Hoch auf die Realpräsenz." (DER STANDARD, 21.5.2021)

Die Odyssee, 2021, Schauspielhaus Wien

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Der Abend hat eine große poetische Kraft, eine eigenartig gefährliche Verführungswirkung!

(KURIER)

Die Unerkennbarkeit der Zukunft hat schon immer unseren zerbrechlichen Kopf verwirrt, diesen erschütternden Fehlschlag göttlichen Rangs. Selten war die Zukunft so verstellt, so undeutlich wie heute. Und selten waren die Abenteuer der Odyssee unwahrscheinlicher. Ein Europa voller Stubenhocker:innen sitzt benebelt und verängstigt in der Bude herum. Wie wird die Welt nach der Pandemie aussehen? Es ist die Unvorhersehbarkeit des Morgen, die den Menschen in die Arme der Götter getrieben hat. Hätte er keine Furcht, würde der Mensch selbständig der Unergründlichkeit seiner Existenz entgegentreten. Aber hat er dies auch nur einen einzigen Tag fertiggebracht? »Die Odyssee« bleibt eine unbändige Hoffnung auf den Mut, auf Freiheit und Geborgenheit, auf die Blamage, das Abenteuer und einen Neuanfang. Sie ist die stürmische Hoffnung auf ein eigenes Selbst, die wir trotz allem nie aufgeben werden.

Premiere am 19.5.21, weitere Vorstellungen zwischen dem 30.06 und 08.07.2022 im Schauspielhaus Wien

Mit Judith Altmeyer, Simon Bauer, Jacob Bussmann, Sebastian Schindegger, Til Schindler. Regie, Konzept und Bühne: Jakob Engel und Jan Philipp Stange, Musik: Jacob Bussmann, Dramaturgie: Lucie Ortmann, Licht: Oliver Mathias Kratochwill, Christoph Pichler, Ton: Benjamin Bauer, Regieassistenz: Johanna Mitulla, Ausstattungsassistenz: Camilla Dina Smolders, Fotos: Matthias Heschl

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