Presse – Hard Feelings (Ein Bericht für eine Akademie)

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"Übrig bleibt das Seelenfleisch: Franz Kafkas Erzählprosa „Ein Bericht für eine Akademie“, die er einem in Afrika gefangenen, auf hoher See und in Europa vermenschten Affen in den Mund legt, wurde nicht für die Bühne verfasst. Trotzdem begegnet sie dem Theatergänger immer wieder. Wo ein so zentraler Autor zur Kleinform eines Monologs oder als Akademiebericht getarnten Briefes greift, in der er insgeheim mit dem Variété liebäugelt und qua Figur die Spanne Mensch zu Nicht-Mensch ausmisst, mit der es auch die Bühne zu tun hat, da wird das Theater hellhörig. Jan Philipp Stange und Jakob Engel legen mit „Hard Feelings“ in der Naxoshalle Frankfurt eine Version vor, die deutlich mehr als der übliche Wanderpokal für Solisten ist. Wie absichtslos sprengen sie die Monologform durch zusätzliche Akteure: Judith Altmeyer und Laila Gerhardt für die zentrale Technik, Tobias Rauch und Philipp Scholtysik als Duo in den Kostümen von Großwildjägern, Theatermachern und Pierrots, die in projizierten Kurzdialogen stumm miteinander sprechen. Ihr Thema: Theater, Theaterwissenschaft, Illusion. Ausgereizt wird die Metaebene von Theater durch den erhöhten Auftrittsort der King-Kong-haft großen Affen-Projektion, die auf einer Urwald-umrankten Gazé mit Seitenstufen, schwebendem Keys- Spieler und Elektrokabeln wie Lianen eingerichtet ist. Davor sitzen wir, das reale Publikum vor der durchscheinenden Bühne, gegenüber auf ihrer anderen Seite: ein vorgespiegeltes Variété-Publikum, das unter Gemurmel, Lachen und Applaus auf sich aufmerksam macht, als wäre es wirklich da. Vor allem ragt „Hard Feelings“ aus so vielen „Berichten für eine Akademie“ aber durch seine Hologrammtechniken im Stil eines „deep fake“ heraus. Vom Film sind wir die täuschende Verlebendigung realer oder fantastischer Gestalten durch realistische Mimik, Gestik und Stimmgebung ja spätestens seit James Camerons „Avatar“ gewöhnt. Nur ist Film teurer und schneller als „analoges“ Theater. Etwas Vergleichbares in ihm zu sehen, in diesem Fall einer Industrieruine mit ästhetischem Zweitleben, ist zehn Jahre nach „Avatar“ immer noch überraschend. Das szenische, assoziativ-intelligente Spiel einer Selbstreflexion des Theaters überschreitet gleichwohl das nur Technische. Man denke allein, wie achtsam Altmeyer und Gerhardt die Epiphanie ihres Mensch-Affen vorbereiten. Anfangs hinter einer Blickwand verborgen, wird die Rotpeter-Akteurin schrittweise enthüllt, sitzt dann sichtbar auf dem Daten-innervierten Spezialstuhl, offenbart uns ihre vors Gesicht geschnallte 3D-Kamera und den Sprechtext wie Notenblätter, legt endlich den wärmenden Mantel ab und zeigt uns so den Kabel- überzogenen Datenanzug, entkleidet sich zuletzt auch dessen. Was bleibt, ist der entmenschte Daten-Affe Rotpeter: ein virtuelles Bündel nachbebenden Seelenfleisches. Eine Form der Aufkündigung letzter Grade der Figuren-Illusion, wie man sie kaum je gesehen haben wird: höchst eindrucksvoll in Zeiten, da sich der Mensch im Licht seiner Entdeckungen von der Künstlichen Intelligenz zur CRISPR- Genmaschine ohnedies ganz klein zusammenzukauern neigt." (Frankfurter Rundschau)

„Nie war der Schatten einer Pflanze freundlicher und liebreizender: Jacob Bussmann sitzt, wie ein in den Bäumen hängender Fallschirmspringer, samt seinem elektronischen Piano hoch über der Bühne. Und singt „Ombra mai fu“, die Arie aus Händels „Xerxes“. Nichts könnte besser passen. Denn in der Naxoshalle ist eine wundervoll wuchernde Dschungellandschaft mit Felsen gewachsen, in düsteren Grüntönen. Auch dem Titel nach könnte „Hard Feelings“ einen Anschluss bilden an „Great Depressions“. Es geht wieder ums Menschsein, um das Theater, um eine Reflexion über Geschichte und Kulturgeschichte und sehr individuelle Erfahrungen. Noch ist „Hard Feelings“ nicht fertig, aber schon das „Showing“ des jetzigen Arbeitsstandes hat so viele Leute angezogen, wie Stühle in der riesigen Halle aufgestellt waren.“ (FAZ)

Hard Feelings (Ein Bericht für eine Akademie), 2020, studioNAXOS Frankurt

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Eine Form der Aufkündigung letzter Grade der Figuren-Illusion, wie man sie kaum je gesehen haben wird: höchst eindrucksvoll!

(FR)

Auf “Tier” reimt sich vieles, auf “Mensch” reimt sich nichts. Kafkas kanonische Erzählung “Ein Bericht für eine Akademie” (1920), die als letzter Nagel im Sarg des Menschen als Krone der Schöpfung gilt, wird in der Theaterperformance “Hard Feelings” mit einem hyperrealistischen Tier auf die Bühne gebracht. Erzählend erweist sich Kafkas Affe als Mensch, der geschickt seine eigene Fiktion manipuliert. Aber ein Affe, der erfolgreich Mensch geworden ist, wird nicht einfach frei, sondern landet in einem Netz von Fiktionen, das ihn bestimmt und begrenzt. Als Menschen bewohnen wir Nationalstaaten, leben in dysfunktionalen Familien, laborieren an unseren Biografien – fragwürdige Fiktionen, die man trotzdem nicht einfach abstreifen kann. Worauf dürfen wir hoffen? Vermittelt von moderner 3D-Tracking-Technik erwecken ein Pianist und ein Gorilla Kafkas Fiktion 100 Jahre nach der Veröffentlichung erneut zum Leben.

Trailer (1:43)

Premiere am 15.10.2020. Weitere Vorstellungen am 16.10, 17.10. und 18.10 in Frankfurt und am 23.10. im Ringlokschuppen Ruhr.

Mit Judith Altmeyer, Jacob Bussmann, Laila Gerhardt, Tobias Rauch und Philipp Scholtysik. Regie/Bühne: Jan Philipp Stange und Jakob Engel, Dramaturgie: Philipp Scholtysik, Licht: Simon Möllendorf, Musik: Jacob Bussmann, Kostüm: Maylin Habig, Produktion: Carmen Salinas, Organisatorische Mitarbeit Bühne: Laila Gerhardt und Tobias Rauch, Fotos: Christian Schuller

Eine Produktion von Stange Produktionen in Zusammenarbeit mit studioNAXOS und dem Ringlokschuppen Ruhr, mit freundlicher Unterstützung des Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, des Kulturamts der Stadt Frankfurt, des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, des NRW Kultursekretariats “digitale performance” und der „experimente#digital – eine Kulturinitiative der Aventis Foundation”.

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