Presse – All in All

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“Die Leere des Alls dehnt sich immer weiter aus, irgendwann wird unsere Sonne verlöschen. „Aber gibt es denn gar keine Hoffnung?“ fragen Jan Philipp Stange und Nir Shauloff in ihrer jüngsten Produktion „All in All“. Irgendwann im Lauf dieser knappen Stunde beginnt man sich regelrecht zu fürchten, wenn wieder einer der beiden anhebt „Du, Philipp …“ oder „Du, Nir …“ und dann fragt, warum die Sterne leuchten oder wieso es den Mond gibt oder wie es mit dem Weltall weitergeht.”
(Eva-Maria Magel, FAZ vom 23.12.2017)

“Mit „All in All“ haben sie ihrer Performance, die jetzt im Frankfurt Lab uraufgeführt worden ist, einen hübsch doppeldeutigen deutsch-englischen Titel gegeben. Es geht auch ums große Ganze. Das machen die beiden jungen Theatermacher rasch deutlich. Sie lassen ihr absichtsvoll auf eine kleine Schar beschränktes Publikum in die riesige schwarze Halle des Frankfurt Labs ein. In der Mitte des kaum beleuchteten Raums: eine helle Scheibe, die nicht etwa direkt die Sonne vorstellen soll. Die Sonne, das ist der Musiker Jacob Bussmann, der hoch über der hellen Scheibe mitsamt Sessel, Keyboard und Soundcomputer installiert ist und sphärische Klänge wie spärliche, aber warme Sonnenstrahlen herabklingen lässt. Wir Erdenkinder sind dazu bestimmt um die Sonne zu kreisen — zu Fuß. Den meditativen Effekt, eine knappe Stunde lang immerzu im Kreis, mal im Stockdunklen, dann funzelig erhellt und bisweilen von den Performern selbst beherzt an die Hand genommen, um einen hellen Fleck zu laufen, ist nicht zu unterschätzen. Einerseits ist es skurril und lustig, es schärft auch die Wahrnehmung der Anderen, von Licht und Klang.”
(Eva-Maria Magel, FAZ vom 23.12.2017)

“Es gibt hübsche Witze in ihrer spärlichen Interaktion wie jenen, dass Stange, der einen kreisrunden und rotleuchtenden kleinen Rucksack trägt, sich bei Shauloff, mit Obst und Lichterkette im durchsichtigen Rucksack als eine Art Erde angetan, einen Schluck Wasser leiht: die Debatte um die Besiedlung des Mars in ein einziges kleines Bild gepackt.”
(Eva-Maria Magel, FAZ vom 23.12.2017)

“Natürlich hat dann doch alles mit jenem wundervollen Song Nick Caves zu tun, „Into my arms“, der am Ende erklingt, jenem Liebeslied, das im Konjunktiv von einem Schöpfer spricht, an den man, selbstredend, nicht glaubt, aber doch hofft, er möge seine Hände schützend über jene halten, die man liebt. Und so landen wir am Ende, wenn der Sternenhimmel leuchtet und Caves kratziges Liebesgebet die Halle des Lab erfüllt, von der Physik aus wieder da, wo Leute nun mal landen, wenn sie rührselig werden und die Weite des Alls von ihrem eigenen kleinen Planeten aus betrachten: bei Metaphysik. Aber eben cool.”
(Eva-Maria Magel, FAZ vom 23.12.2017)

All in All, 2017 Mousonturm Frankfurt

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Skurril und lustig.

(FAZ)

All in All ist ein performativer Spacewalk. Drei Darsteller laden die Besucherinnen ein, mit ihnen in der riesigen, leeren Halle des Frankfurt Lab bei weitestgehender Dunkelheit eine Stunde lang im Kreis um eine leuchtende Scheibe zu laufen. Den Zuschauerinnen steht frei, auf ihren Umlaufbahnen die Fall- und Fliehkräfte von Himmelskörpern am eigenen Leib nachzuempfinden oder die Inszenierung von außen zu beobachten. Der Musiker Jacob Bussmann hängt über der Scheibe in drei Metern Höhe von der Decke und begleitet den Spaziergang mit Liedern und Klangmaterial u.a. aus der Golden Record, eines Datenträgers aus den 1970ern, der mit den Voyager-Missionen ins All geschossen wurde um möglichen, nichtmenschlichen Zivilisationen ein Best-Of menschlicher Bilder, Sounds und Musik zu übergeben.

Diese Geste des „Ist da jemand?“ übernehmen die beiden Performer, die — sich immer wieder ihrer wechselseitigen Anwesenheit versichernd — ein lückenhaftes Gespräch führen. Dieses orientiert sich an der Entstehung und dem Ende des Universums sowie dem Phänomen der Gravitationskraft. In der anhaltenden Dunkelheit gerät es schließlich zu einer Art subtilem Bettgeflüster des Halbwissens, das auch Ängste, Ungenauigkeiten und Vertrautheiten einschließt. So wird das unfassliche Weltall, das in seiner Expansion die Außengrenzen des Vorstellbaren immer weiter auseinander schiebt und dadurch den Zusammenhang der Materie langsam aufhebt, zum Sinnbild der Gemeinschaft dieses Abends. Der menschliche Blick zu den Sternen und in das sich ausdehnende Weltall trifft hier auf die Erfahrung des Auseinanderdriftens, des Verlorenseins und des Fallens. Dabei wird möglicherweise deutlich, dass es den einen menschlichen Blick nicht geben kann. Und so steht und fällt All in All mit seinen Teilnehmerinnen und deren singulärer Perspektiven und Verhaltensweisen, die nicht weniger mysteriös erscheinen als das große Ganze. Am Ende des Stücks holen die beiden Performer den Musiker mit einer Leiter vom Himmel zurück auf den Theaterboden, während viele tausend kleine Lichter im Dach der Halle zu leuchten beginnen.

Trailer (1:38)

Premiere am 19.12.2017 im Mousonturm Frankfurt.
"All in All" ist zum Made-Festival als Publikumspreisträger eingeladen.

von Nir Shauloff und Jan Philipp Stange, Musik: Jacob Bussmann, Licht: Simon Möllendorf, Kostüme: Maylin Habig, Dramaturgie: Annegret Schlegel, Produktion: Carmen Salinas, Organisatorische Mitarbeit Regie: Alex Mentzel | Fotos von Irina Ximena Perez Berrio

Mit freundlicher Unterstützung vom Mousonturm Frankfurt, der Gessnerallee Zürich, der Willy-Pitzer-Stiftung, der NASPA-Stiftung, der HTA, studioNAXOS und dem Kulturamt der Stadt Frankfurt.

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